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Was ist der AWH-Standard?

Der AWH-Standard ist das im deutschen Handwerk verbreitete Verfahren, um den Wert eines Handwerksbetriebs zu ermitteln. Diese Seite erklärt, woher er kommt, wie gerechnet wird und was das für Inhaber vor Verkauf oder Übergabe bedeutet.

Zwei erfahrene Handwerksmeister prüfen gemeinsam Unterlagen an der Werkbank

Kurz gesagt

Der AWH-Standard ist ein vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) getragenes Ertragswertverfahren zur Bewertung von Handwerksbetrieben. AWH steht für die Arbeitsgemeinschaft der wertermittelnden Betriebsberater im Handwerk, die nach Angaben des ZDH 2003 gemeinsam mit dem Verband gegründet wurde. Bewertet wird der nachhaltig erzielbare Gewinn nach Abzug eines kalkulatorischen Unternehmerlohns, kapitalisiert mit einem betriebsindividuellen Zinssatz.

Herkunft und Verbreitung

Große Kapitalgesellschaften werden in Deutschland meist nach dem Standard IDW S 1 der Wirtschaftsprüfer bewertet. Für einen Handwerksbetrieb mit fünf oder fünfzehn Beschäftigten passt dieses Verfahren schlecht: Es setzt Planungsrechnungen, Kapitalmarktdaten und eine Trennung von Eigentum und Führung voraus, die es im Handwerk selten gibt. Deshalb haben Betriebsberater der Handwerkskammern und Fachverbände zusammen mit dem ZDH ein angepasstes Verfahren entwickelt, das seit 2003 als AWH-Standard geführt wird.

Das Verfahren ist im Handbuch „Unternehmensbewertung im Handwerk, AWH-Standard“ beschrieben. Die aktuelle öffentlich zugängliche Fassung ist Version 5.2 mit Stand 27. August 2024. Das Handbuch ist kostenlos beim ZDH abrufbar. Nach Angaben des ZDH wenden fast alle Handwerkskammern und zahlreiche Fachverbände das Verfahren an.

Die Grundidee: Ertragswert statt Umsatzfaktor

Daumenregeln wie „Jahresumsatz mal 0,5“ oder „dreifacher Gewinn“ sind im Handwerk verbreitet, aber sie sagen nichts darüber aus, was ein Käufer mit dem Betrieb verdienen kann. Der AWH-Standard fragt genau das: Welchen Gewinn wirft der Betrieb nachhaltig ab, nachdem der Inhaber sich einen marktüblichen Lohn und eine Verzinsung seines Kapitals zurechnet? Dieser Gewinn wird als ewige Rente kapitalisiert.

Ertragswert = nachhaltiger Gewinn nach Steuern ÷ Kapitalisierungszinssatz (netto) × 100

Zwei Größen entscheiden also über den Wert: der bereinigte Gewinn und der Zinssatz. Beide werden nach festen Regeln hergeleitet, die auf den Seiten zum kalkulatorischen Unternehmerlohn und zum Kapitalisierungszins im Einzelnen beschrieben sind.

Bewertet wird die „intakte Einkommensquelle“: das betriebsnotwendige Anlagevermögen ohne Grundstücke und Gebäude sowie die betriebsnotwendigen Bestände. Die Finanzierung spielt keine Rolle, Verbindlichkeiten verändern den Ertragswert nicht. Übernimmt ein Käufer Schulden, wird das anschließend vom Kaufpreis abgezogen. Nicht betriebsnotwendiges Vermögen, etwa eine vermietete Wohnung im Betriebsgebäude, wird gesondert bewertet und in einer Überleitungsrechnung hinzugerechnet.

Die zehn Schritte eines AWH-Gutachtens

Das Handbuch gibt für ein Gutachten einen festen Aufbau in zehn Schritten vor. Ein Bericht, der diesem Aufbau folgt, ist für Betriebsberater, Steuerberater und Banken sofort lesbar.

  1. Auftrag, Stichtag, Basiszins. Wer bewertet für wen, zu welchem Zweck, und welcher Bundesbank-Basiszins gilt für das Stichtagsjahr.
  2. Unternehmensinformationen. Rechtsform, Gewerk, Geschichte, Mitarbeiter, Kunden, Standort.
  3. Aktiva. Buchwerte und Zeitwerte des Anlagevermögens mit Restnutzungsdauer, Vorräte, Forderungen.
  4. Passiva. Eigenkapital, Rückstellungen, Verbindlichkeiten.
  5. Gewinn- und Verlustrechnungen der letzten vier Jahre (mindestens drei).
  6. Kalkulatorische Kosten. Unternehmerlohn, Zinsen, Miete, Abschreibungen auf Zeitwertbasis.
  7. Korrekturwerte. Außerordentliche Posten, Privatanteile, Einmaleffekte, bei der GmbH die Korrektur des Geschäftsführergehalts.
  8. Erfolgsprognose. Trendgewichtung der bereinigten Ergebnisse, Steuerrechnung, nachhaltiger Gewinn nach Steuern.
  9. Kapitalisierungszinssatz. Basiszins plus Immobilitäts-, Risiko- und Inhaberabhängigkeitszuschlag, inklusive Fragebogen zur Inhaberabhängigkeit.
  10. Bewertung und Ergebnis. Ertragswert, Vergleich mit dem Substanzwert, Überleitungsrechnung zum Kaufpreis.

Als Anhänge sieht das Handbuch ein Stärken-Schwächen-Profil, den Fragebogen, eine Vollständigkeitserklärung des Inhabers und einen Haftungshinweis vor.

Wer darf eine Bewertung nach AWH-Standard ausweisen?

Das Handbuch ist öffentlich, die Methodik darf jeder nachrechnen. Die Bezeichnung „Unternehmensbewertung gemäß AWH-Verfahren“ ist dagegen den Betriebsberatern der Handwerksorganisation vorbehalten, die dafür qualifiziert sind, also ein ZDH-Seminar absolviert haben und sich laufend fortbilden. Wer ohne diese Qualifikation ein „Gutachten nach AWH-Standard“ anbietet, bewegt sich wettbewerbsrechtlich auf dünnem Eis.

Deshalb gilt für NexxtCraft und vergleichbare Angebote: Es handelt sich um eine indikative Wertermittlung in Anlehnung an die Methodik des AWH-Standards. Sie ist eine Orientierungs- und Verhandlungsgrundlage, kein Gutachten. Wer für eine Bank, ein Gericht oder eine Erbauseinandersetzung ein Gutachten braucht, wendet sich an die Betriebsberatung seiner Handwerkskammer; manche Kammern bieten die Bewertung für Mitgliedsbetriebe kostenlos an, die Konditionen unterscheiden sich.

Warum das Ergebnis oft niedriger ausfällt als erwartet

Viele Inhaber sind vom Ertragswert enttäuscht. Der Grund liegt fast immer im kalkulatorischen Unternehmerlohn: Ein Betrieb mit 80.000 Euro Gewinn, in dem der Meister 60 Stunden pro Woche arbeitet, verdient nach Abzug eines marktüblichen Meistergehalts mit Unternehmerzuschlag kaum noch etwas. Was übrig bleibt, wird zudem mit einem hohen Zinssatz kapitalisiert, weil kleine Betriebe stark vom Inhaber abhängen. Bei sehr kleinen Betrieben wird der Ertragswert negativ; dann gilt der Substanzwert als Untergrenze.

Das ist keine Schwäche des Verfahrens, sondern seine Aussage: Ein Käufer zahlt nur für Gewinn, den der Betrieb ohne den bisherigen Inhaber erwirtschaftet. Wer die Übergabe früh plant, kann die entscheidenden Stellschrauben, vor allem die Inhaberabhängigkeit, über zwei bis drei Jahre gezielt verbessern.

Häufige Fragen

Ist der AWH-Standard gesetzlich vorgeschrieben?

Nein. Er ist eine Empfehlung der Handwerksorganisation, kein Gesetz und keine Norm. Weil Handwerkskammern, viele Banken und Steuerberater ihn kennen, hat er sich als gemeinsame Sprache bei Übergaben im Handwerk durchgesetzt.

Was unterscheidet den AWH-Standard von IDW S 1?

Beide sind Ertragswertverfahren. IDW S 1 arbeitet mit Planungsrechnungen und Kapitalmarktdaten (Beta-Faktoren, Marktrisikoprämie). Der AWH-Standard leitet den nachhaltigen Gewinn aus den letzten drei bis vier Jahresabschlüssen ab, zieht einen kalkulatorischen Unternehmerlohn ab und bestimmt den Zinssatz über Zuschläge aus einem Fragebogen. Er ist damit für inhabergeführte Kleinbetriebe ohne Planungsrechnung anwendbar.

Wo bekomme ich das AWH-Handbuch?

Das Handbuch V5.2 (Stand 27.08.2024) stellt der Zentralverband des Deutschen Handwerks kostenlos als PDF bereit. Ältere Fassungen liegen auf den Seiten einzelner Handwerkskammern; sie enthalten teils abweichende Steuerparameter.

Welche Unterlagen braucht eine Bewertung nach dieser Methodik?

Die Jahresabschlüsse oder Dezember-BWAs der letzten drei bis vier Jahre, ein Anlagenverzeichnis mit Restnutzungsdauern, den Gewerbesteuer-Hebesatz der Gemeinde sowie Angaben zu Meistergehalt, betriebsnotwendigem Kapital, Risiken und Inhaberabhängigkeit.

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