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Substanzwert und Ertragswert: Welcher Wert gilt?
Ein Handwerksbetrieb hat Maschinen, Fahrzeuge und Lager. Warum zählt für den Wert trotzdem der Gewinn, und wann gilt doch die Substanz? Die Antwort steckt im Handbuch, und sie ist für kleine Betriebe wichtiger als für große.

Kurz gesagt
Der AWH-Standard bewertet Handwerksbetriebe nach dem Ertragswert, also dem kapitalisierten nachhaltigen Gewinn. Der Substanzwert, die Summe der Zeitwerte des betriebsnotwendigen Vermögens, dient als Untergrenze: Liegt der Ertragswert darunter oder ist er negativ, wird der Substanzwert angesetzt. Absolute Untergrenze ist der Liquidationswert, der Erlös bei Einzelverkauf aller Gegenstände abzüglich Abwicklungskosten.
Warum der Ertragswert Vorrang hat
Ein Käufer erwirbt keinen Maschinenpark, sondern eine Einkommensquelle. Was er zahlen kann, bemisst sich daran, welchen Gewinn der Betrieb nach einem Lohn für seine Arbeit und nach Steuern abwirft und wie sicher dieser Gewinn ist. Genau das misst der Ertragswert. Zwei Betriebe mit identischer Ausstattung können deshalb sehr unterschiedliche Werte haben, wenn einer einen festen Kundenstamm und eine zweite Führungsebene hat und der andere nicht.
Was der Substanzwert ist
Der Substanzwert ist die Summe der Zeitwerte des betriebsnotwendigen Vermögens: Maschinen, Werkzeuge, Fahrzeuge, Betriebs- und Geschäftsausstattung, Vorräte. Nicht Buchwerte aus der Bilanz, denn eine vor acht Jahren abgeschriebene Maschine kann noch 20.000 Euro wert sein. Grundstücke und Gebäude gehören nicht dazu, sie werden gesondert bewertet. Verbindlichkeiten werden nicht abgezogen, weil das Verfahren finanzierungsneutral ist.
Die Zeitwerte kommen aus dem Anlagenverzeichnis, ergänzt um eine Einschätzung des Zustands und der Restnutzungsdauer. Für gebrauchte Maschinen sind Händlerpreise und Auktionsergebnisse Anhaltspunkte. Der Substanzwert ist damit die Antwort auf die Frage: Was müsste ein Gründer ausgeben, um dieselbe Ausstattung gebraucht zu beschaffen?
Wann der Substanzwert greift
Das Handbuch weist dem Substanzwert eine Hilfsfunktion zu: Er ist die Untergrenze des Unternehmenswerts. Liegt der Ertragswert darunter, ist es für den Inhaber vorteilhafter, die Substanz zu verkaufen als den Betrieb als Ganzes; kein vernünftiger Verkäufer würde weniger als die Substanz akzeptieren. Der Wertansatz ist dann der Substanzwert.
In der Praxis greift die Untergrenze vor allem bei kleinen Betrieben mit teurer Ausstattung: eine Zimmerei mit Abbundanlage, ein Metallbauer mit Laser, eine Bäckerei mit neuer Backstraße. Dort ist der Gewinn nach Unternehmerlohn oft klein, die Substanz aber groß.
Der negative Ertragswert
Ein negativer Ertragswert entsteht, wenn der bereinigte Gewinn nach Abzug des kalkulatorischen Unternehmerlohns, der kalkulatorischen Zinsen und Abschreibungen unter null liegt. Das ist bei Betrieben, die dem Inhaber ein auskömmliches Einkommen sichern, keine Seltenheit. Es bedeutet nicht, dass der Betrieb wertlos ist oder schlecht geführt wird. Es bedeutet, dass ein Käufer mit dem Betrieb weniger verdienen würde als ein angestellter Meister mit vergleichbarer Verantwortung.
Ein seriöser Bericht weist den negativen Ertragswert offen aus und setzt den Substanzwert als Wertansatz an. Für den Inhaber ist das eine wichtige Information vor Verhandlungen: Der Kaufpreis wird sich an der Substanz orientieren, und ein Käufer wird fragen, ob er die Ausstattung nicht günstiger gebraucht bekommt.
Liquidationswert als absolute Untergrenze
Unter dem Substanzwert liegt der Liquidationswert: der Erlös, wenn alle Vermögensgegenstände einzeln verkauft werden, abzüglich der Kosten für Abwicklung, Kündigungen und Räumung. Er ist die absolute Untergrenze und relevant, wenn keine Fortführung möglich ist. Bei einer geplanten Übergabe spielt er selten eine Rolle, für die Bank ist er dagegen die Sicherheitenbetrachtung.
Häufige Fragen
Kann ich Ertragswert und Substanzwert addieren?
Nein. Der Substanzwert ist im Ertragswert bereits enthalten, denn die Ausstattung ist die Grundlage des Gewinns. Addition würde die Maschinen doppelt bezahlen. Es gilt der höhere der beiden Werte.
Welche Rolle spielt der Firmenwert oder Kundenstamm?
Er steckt im Ertragswert. Übersteigt der Ertragswert den Substanzwert, ist die Differenz der Wert des Kundenstamms, der Organisation und des Rufs. Ist der Ertragswert kleiner als der Substanzwert, ist dieser immaterielle Wert rechnerisch null.
Woher bekomme ich Zeitwerte für meine Maschinen?
Aus dem Anlagenverzeichnis des Steuerberaters als Ausgangspunkt, dann Gebrauchtmaschinenhändler, Auktionsplattformen und Herstellerangaben zur Nutzungsdauer. Für ein Gutachten schätzt der Betriebsberater bei der Besichtigung.
Mein Ertragswert ist negativ. Ist der Betrieb unverkäuflich?
Nein. Verkauft wird dann zum Substanzwert oder darüber, wenn ein Käufer Synergien hat, etwa ein Wettbewerber, der Mitarbeiter und Kunden übernimmt. Oft ist die bessere Strategie, zwei bis drei Jahre vor dem Verkauf die Inhaberabhängigkeit zu senken und den Unternehmerlohn realistisch in die Kalkulation einzupreisen.
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