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Der Kapitalisierungszinssatz im AWH-Standard
Kein Wert im Verfahren wirkt so stark wie der Zinssatz: Ein Prozentpunkt mehr senkt den Ertragswert eines kleinen Betriebs um mehrere Tausend Euro. Deshalb wird er nicht geschätzt, sondern aus vier Bausteinen hergeleitet.

Kurz gesagt
Der Kapitalisierungszinssatz nach der AWH-Methodik setzt sich zusammen aus dem Basiszins der Deutschen Bundesbank für Bundeswertpapiere mit 30 Jahren Restlaufzeit, einem Immobilitätszuschlag von 1 bis 3 %, acht Risikozuschlägen von je 0 bis 3 % und einem Zuschlag für Inhaberabhängigkeit von 0 bis 30 %. Der Bruttosatz wird um die typisierte Einkommensteuer von 26,375 % gekürzt. Im Handwerk liegen die Nettosätze typischerweise zwischen 15 und 25 %.
Baustein 1: Basiszins der Bundesbank
Der Basiszins ist die risikolose Alternative: Was bekäme der Käufer, wenn er sein Geld statt in den Betrieb in Bundesanleihen steckt? Das Handbuch V5.2 legt dafür die Zeitreihe der Deutschen Bundesbank „Renditen börsennotierter Bundeswertpapiere, Restlaufzeit 30 Jahre, Tageswerte“ fest und nimmt den Wert des ersten Börsentags des Stichtagsjahres. Bis Ende 2022 galt die Restlaufzeit von 15 Jahren.
| Stichtagsjahr | Basiszins | Quelle |
|---|---|---|
| 2020 | 0,07 % | Handbuch V5.2, RLZ 15 Jahre |
| 2021 | −0,45 % | Handbuch V5.2, RLZ 15 Jahre |
| 2022 | −0,05 % | Handbuch V5.2, RLZ 15 Jahre |
| 2023 | 2,39 % | Handbuch V5.2, RLZ 30 Jahre |
| 2024 | 2,29 % | Handbuch V5.2, RLZ 30 Jahre |
| 2025 | 2,55 % | Bundesbank-Zeitreihe, RLZ 30 Jahre, erster Börsentag |
| 2026 | 3,56 % | Bundesbank-Zeitreihe, RLZ 30 Jahre, 2. Januar 2026 |
Der AWH-Basiszins ist nicht der Basiszins nach IDW S 1, der aus der Zinsstrukturkurve abgeleitet wird, und auch nicht der Basiszinssatz des BGB. Wer die Werte verwechselt, verschiebt den Unternehmenswert um mehrere Prozent.
Baustein 2: Immobilitätszuschlag
Eine Bundesanleihe lässt sich jederzeit verkaufen, ein Handwerksbetrieb nicht. Für diese fehlende Fungibilität sieht das Handbuch einen Zuschlag von 1 bis 3 % vor. Je kleiner der Betrieb und je spezieller das Gewerk, desto schwerer ist er zu veräußern und desto höher der Zuschlag.
Baustein 3: Acht Risikozuschläge
In Version 5.2 sind die Risikokriterien verbindlich. Für jedes der acht Kriterien vergibt der Bewerter 0 bis 3 %, zusammen also bis zu 24 %:
- Kundenabhängigkeit: Wie viel Umsatz hängt an wenigen Auftraggebern?
- Produkt- und Leistungsangebot: Breite, Zukunftsfähigkeit, Abhängigkeit von einzelnen Leistungen.
- Branche und Konjunktur: Wie stark reagiert das Gewerk auf Zinsen, Bauförderung, Nachfragezyklen?
- Standort und Wettbewerb: Einzugsgebiet, Wettbewerberdichte, Fachkräfteangebot.
- Betriebsausstattung: Alter und Zustand von Maschinen und Fuhrpark, Investitionsstau.
- Beschäftigtenstruktur: Altersstruktur, Qualifikation, Fluktuation, Nachwuchs.
- Personenabhängigkeit ohne Inhaber: Hängt der Betrieb an einem einzelnen Vorarbeiter oder Meister?
- Sonstige Risiken: etwa auslaufende Mietverträge, Rechtsstreitigkeiten, Zulassungen.
Zur Einordnung: Das Zahlenbeispiel des Handbuchs setzt in Summe 10 % an, im Schnitt also 1,25 % je Kriterium. Wer bei allen acht Kriterien 3 % ansetzt, beschreibt einen Betrieb, den kaum jemand kaufen würde.
Baustein 4: Zuschlag für Inhaberabhängigkeit
Der vierte Baustein ist der wichtigste für kleine Betriebe. Zehn Kriterien werden mit Schulnoten von 1 bis 6 bewertet, der Durchschnitt D fließt in eine Formel:
Note 1 überall ergibt 30 %, Note 6 überall ergibt 0 %. Wer also Kunden, Kalkulation, Mitarbeiterführung und Fachwissen ganz allein in der Hand hält, verdoppelt fast den Zinssatz. Die zehn Kriterien und was Inhaber daran ändern können, stehen auf der Seite zur Inhaberabhängigkeit.
Das Zahlenbeispiel aus dem Handbuch
Das Handbuch rechnet auf Seite 37 ein Beispiel vor, das die Größenordnung zeigt:
| Basiszins | 1 % |
| Immobilitätszuschlag | 1 % |
| Risikozuschläge (Summe) | 10 % |
| Inhaberabhängigkeit (D = 3,67) | 14 % |
| Brutto | 26 % |
| Abschlag Einkommensteuer und Solidaritätszuschlag | −7 % |
| Netto | 19 % |
Mit dem Basiszins 2026 von 3,56 % statt 1 % läge derselbe Betrieb bei 28,56 % brutto und rund 21 % netto. Der Abschlag für Einkommensteuer und Solidaritätszuschlag beträgt 26,375 % des Bruttosatzes (rechnerisch 25 % zuzüglich 5,5 % Solidaritätszuschlag darauf). Ein Nettosatz von 19 % bedeutet: Der Käufer zahlt gut das Fünffache des nachhaltigen Jahresgewinns nach Steuern.
Warum der Zinssatz so stark wirkt
Bei 45.000 Euro nachhaltigem Gewinn nach Steuern ergeben 15 % netto einen Ertragswert von 300.000 Euro, 25 % netto nur 180.000 Euro. Derselbe Betrieb, dieselben Zahlen, 120.000 Euro Unterschied. Deshalb sollte jeder Zuschlag im Bericht mit einer Begründung stehen, und deshalb lohnt es sich, die Inhaberabhängigkeit vor dem Verkauf zu senken statt über den Kaufpreis zu streiten.
Häufige Fragen
Welcher Basiszins gilt für eine Bewertung mit Stichtag 2026?
3,56 %. Das ist die Rendite börsennotierter Bundeswertpapiere mit 30 Jahren Restlaufzeit am 2. Januar 2026, dem ersten Börsentag des Jahres, aus der Zeitreihe der Deutschen Bundesbank.
Ist der AWH-Basiszins derselbe wie der Basiszins nach IDW S 1?
Nein. IDW S 1 leitet den Basiszins aus der Zinsstrukturkurve mit der Svensson-Methode ab, meist als Dreimonatsdurchschnitt. Der AWH-Standard nimmt den Tageswert einer konkreten Bundesbank-Zeitreihe am ersten Börsentag des Jahres. Die beiden Werte können deutlich voneinander abweichen.
Wie hoch ist der Kapitalisierungszins im Handwerk typischerweise?
Netto meist zwischen 15 und 25 %. Das Zahlenbeispiel des Handbuchs kommt auf 19 % netto. Werte deutlich unter dem Handbuchbeispiel sollten im Bericht begründet werden.
Warum wird der Zinssatz um die Einkommensteuer gekürzt?
Weil der Gewinn, der kapitalisiert wird, bereits nach Steuern ist. Damit Zähler und Nenner zusammenpassen, wird auch die Alternativrendite nach Steuern betrachtet: brutto × (1 − 26,375 %).
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